Enttäuschung über das Thunderbird-Aus

Die Mozilla-Stiftung gab bekannt, dass die Weiterentwicklung von Thunderbird «keine Priorität geniesst». Das Mailprogramm soll noch ein Jahr lang mit Updates versorgt werden, und dann ist (wahrscheinlich) Schluss.

Ich setze Thunderbird selber ein, und empfehle das Programm auch in meiner Rolle als Kummerbox-Betreuer den Lesern. Es ist einfacher als Outlook, zuverlässiger als Windows Live Mail, weniger dubios als IncrediMail, fortschrittlicher als Outlook Express und, dank vielen Erweiterungen leistungsfähiger als alle anderen Mailprogramme zusammen. Laut heise.de wird es von über 20 Millionen Nutzern täglich eingesetzt.

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Diese Nutzer werden jetzt im Regen stehen gelassen. Natürlich geht der Trend zur Cloud und zum Webmail. Aber da sind wir längst noch nicht angekommen. Beim Mail wird das auch noch ganz schön lange dauern, bis es so weit ist. Ich behaupte, dass Mail die Online-Anwendung sein wird, die sich am längsten in ihrer klassischen Form halten wird. Das aus folgenden Gründen:

  • Wir Digital Immigrants sind mit unserem Mailprogramm aufgewachsen. Es ist uns in Fleisch und Blut übergegangen.
  • Mail ist der «wichtigste und meistgenutzte Dienst des Internet» (sagt Wikipedia). Wer E-Mail als «geschäftskritische» Anwendung im Einsatz hat, wird darauf achten, den Datenbestand lokal und offline zur Verfügung zu haben.
  • E-Mail ist ein wichtiges Instrument zur Selbstdokumentation im privaten und beruflichen Umfeld. Mails halten fest, was abgemacht und besprochen wurden und sie protokollieren Entscheidungen und Vereinbarungen. Es ist sinnvoll, diese Information in leicht erschliessbarer Form selbst zu verwalten.
  • Mail ist ein intimes Medium. Es wird intensiv für den zwischenmenschlichen Austausch genutzt. Denn auch wenn Mail alles andere als abhörsicher ist, haben wir, die wir früher richtige Briefe geschrieben haben, den elektronischen Brief als Nachfolger dieses privaten, persönlichen Kommunikationsmittels adaptiert. Will man solche Botschaften bei Google, GMX oder Hotmail lagern oder will man sie zu Hause haben? Eben.
  • Und: Wer will, kann Mails digital signieren und verschlüsseln. Auch dafür braucht man einen Mailclient.

Was bleibt an Alternativen? Auf Twitter wurden einige empfohlen: Sparrow für Mac und iOS und Claws Mail. Natürlich existieren auch weiterhin Pegasus Mail, Evolution, Postbox und FastMail von Opera.

Diese Alternativen sind vergleichsweise wenig bekannt. Als Empfehlung für die Leser der Kummerbox drängt sich keines auf, zumal keines der Programme in Sachen Backup, Datenübernahme oder Problemlösungen dokumentiert ist. Und während die Nerds neuen und exotischen Programmen gerne eine Chance geben, tendieren die normalen Anwender zu den Programmen, die sie kennen: Und das sind in diesem Fall, natürlich, die Produkte von Microsoft. Wenn fehlende Updates es nötig machen sollten, Thunderbird endgültig aufzugeben, dann wird ein Grossteil der Leute bei Outlook und bei Windows Live Mail landen.

Die Mozilla-Stiftung verkennt die Rolle des E-Mail, und sie scheint auch ihre Rolle aufgegeben zu haben, Microsoft Paroli zu bieten. Da hat Mozilla viel Wohlwollen verspielt.

Autor: Matthias

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