Von den Smartphones gelernt

Ich spiele im Moment mit der Kompaktkamera WB850F von Samsung, die mir Digitec als Testgerät zur Verfügung gestellt hat. Sie kostet dort 329 Franken und wird von Samsung als «Smart Camera» bezeichnet. Das heisst: Die Kamera hat von den Smartphones gelernt. Das geht nun nicht so weit, dass man auf der Kamera Apps wie Instagram, Snapseed oder Percolator auf die Kamera installieren könnte. Aber es heisst immerhin, dass man die Bilder sofort ins Internet bekommt.

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Dank 21×-Zoom gibt es auch bei langen Brennweiten keine grieseligen Bilder.

Vollmanuelle Belichtung
Zuerst zu den fotografischen Merkmalen: Die Kamera fotografiert mit satten 16 Megapixeln, macht Full-HD-Video, hat ein 21-fach Zoom mit 35-mm-Äquivalent von 23 bis 483 Millimeter und erlaubt im ASM-Modus die Wahl von Zeitautomatik, Blendenautomatik und vom vollmanuellen Betrieb mit freier Wahl von Belichtung und Verschlusszeit. Damit stellt die typische Smartphone-Kamera bei Weitem in den Schatten. Die Bildqualität überzeugt aber auch für eine Kamera ihrer Preisklasse. Es gibt natürlich auch die üblichen Szene-Programme, unter anderem Nacht, Sonnenuntergag, Dämmerung, Gegenlicht, Beauty-Shot, Strand & Schnee sowie Text. Und fertige Bilder kann man rudimentär bearbeiten: In der Grösse ändern, drehen, in Helligkeit, Kontrast, Farbe und Sättigung optimieren. Es ist möglich, ein gewolltes Rauschen hinzuzufügen, und, falls die Kamera ein Gesicht erkannt hat, dieses automatisch zu retuschieren. In der Rubrik Smart Filter gibt es Instagram-ähnliche Effekte auszuwählen, wobei der obligate Tilt-Shift-Miniatur-Effekt natürlich nicht fehlen darf.

Nun gibt es wie gesagt die Smart-Funktionen. Die bestehen technisch gesehen aus einem GPS-Empfänger und einem WLAN-Modul. Via GPS werden die Fotos mit dem Aufnahmeort versehen – falls die Kamera GPS-Empfang hat. Assisted GPS ist nach meinem Dafürhalten nicht vorhanden, zumal im Gebäudeinneren keine Positionierung zustande kommt. Die Bilder mit Geodaten können auf einer Karte betrachtet werden, wenn auf der Kamera das entsprechende Kartenmaterial installiert ist. Das wird über den auf der DVD enthaltenen Installer eingespielt und stammt von Navteq.

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Unter freiem Himmel fügt die GPS-Funktion den Standort des Bildes hinzu und schreibt auf Wunsch auch gleich den Namen des nächstgelegenen POI (Point of Interest) ins Bild.

Aber vor allem bietet die Kamera, wie erwähnt, WLAN. Und damit lassen sich einige ganz nette Dinge anstellen:

Ab ins Internet. Die Aufnahmen lassen sich direkt ab Kamera bei verschiedenen Diensten hochladen: Bei Microsoft Skydrive, bei Facebook, Picasa und Photo Bucket. Videos lassen sich an Youtube übermitteln. Das funktionierte in meinem Test auch bestens über den Personal Hotspot des iPhone. Mit dem passenden Smartphone und einem Datenplan, der Tethering erlaubt, kann man die Bilder ab Kamera via mobiles Datennetz ins Internet bringen. Das ist schon eine ganz schicke Angelegenheit.

Auch ein Versand von Fotos per E-Mail ist möglich. Die Funktion Auto-Backup sichert die Bilder drahtlos auf dem Computer. Über die TV-Link-Funktion lassen sich die Bilder auf Fernsehern anzeigen, die DLNA unterstützen.

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Von der Kamera per WLAN und Personal Hotspot des iPhone direkt bei Picasa hochgeladen (inklusive Geolocation).

Ab aufs Smartphone. Samsung stellt die App MobileLink fürs iPhone und Android bereit. Mit ihr überträgt man die Bilder von der Kamera aufs Mobiltelefon. Wenn man MobileLink an der Kamera einschaltet, startet diese ein Ad-Hoc-WLAN-Netz. Dieses wählt man am Smartphone aus und startet dann die App am Telefon. Sobald die Verbindung steht, erscheinen die Fotos in der App und können aufs Telefon übertragen werden. Das ist etwas umständlich, funktioniert aber bestens. Und sobald die Fotos auf dem Smartphone sind, kann man sie natürlich auch durch Instagram, Snapseed oder Percolator durchjagen. Das erweitert die fotografischen Möglichkeiten beträchtlich, denn bei schlechten Lichtverhältnissen, entfernten oder sehr nahen Motiven ist die WB850F der eingebauten Kamera haushoch überlegen.

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Links: Mit der App MobileLink holt man sich die Fotos von der Kamera aufs Smartphone.
Rechts: Über die Remote Viewfinder-App löst man per Smartphone aus.

Spionage par Excellence. Von Samsung gibt es eine zweite App namens Remote Viewfinder (für iOS und Android). Sie wird wie die MobileLink-App per Ad-Hoc-WLAN mit dem Smartphone verbunden und zeigt dann das Live-Bild am Display an. Man kann sich somit optimal vor der Kamera ins Bild setzen und dann via Smartphone auslösen. Wenn man dafür noch den Timer einschaltet, kann man vor der Aufnahme auch das Smartphone noch hinter dem Rücken verschwinden lassen.

Fazit: Die Möglichkeiten, die WLAN in der Kamera eröffnen, sind toll. Denn obwohl die eingebauten Bearbeitungsfunktionen und -effekte ganz okay sind, führen sie doch vor allem vor Augen, wie viel grösser und toller die Möglichkeiten sind, die einem die ständig wachsende Vielfalt an Fotoapps eröffnen. Keine Frage: Wenn man intensiver mit seinen Bildern arbeiten möchte, dann überträgt man sie ans Smartphone oder ans iPad.

Man wünscht sich WLAN für die Spiegelreflex
Die WLAN-Funktion jedenfalls hat Samsung so schön integriert, dass man sie sich auch für die Spiegelreflexkamera wünscht – dann könnte man endlich die Instagram-Effekthascherei mit der fotografischen Perfektion einer Nikon D7000 betreiben. Das Einrichten von WLAN und sozialen Diensten an der Kamera ist allerdings kein reines Vergnügen: Man muss Benutzernamen und Passwörter Buchstabe für Buchstabe über das Menürad zusammenpuzzeln. Die Anmeldung bei Facebook ist mir nicht gelungen, weil mein Facebook-Passwort einen Umlaut enthält und diese im Repertoire der Displaytastatur nicht enthalten sind. Da müsste man sich der Kamera beugen und auf ein umlautfreies Passwort umsteigen.

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Und hier auf vielfachen Wunsch (not) noch das Selbstportrait, das ich via Remote Viewfinder gemacht habe.

Autor: Matthias

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