Wehret den Formatierungsäxten!

Es gibt ja so ein paar Mysterien in der Computerwelt. Warum wir heute mehr als 640 KB Arbeitsspeicher benötigen. Weshalb ein Windows-Rechner eine Stunde an einem Update herumrödelt, um nichts weiter als eine lausige neue Silverlight-Version zu gebären. Und warum es auf meiner Tastatur eine Scroll-Lock-Taste gibt (und keinen Any key).

Eines der grössten Mysterien ist für mich allerdings, wie diese katastrophale Situation an der Front der Textformatierungen entstehen konnte. Ein Beispiel: Ich finde einen Text auf einer Website, den ich in ein Worddokument übernehmen möchte. Ich markiere ihn im Browser, drücke Ctrl + c, wechsle zur Textverarbeitung, drücke Ctrl + v und erschrecke: Statt dass sich der Text bescheiden an der mittels Cursor markierten Stelle eingliedert, saust er mit der Formatierungsaxt ins Dokument. Er fällt über den wohlgestalteten Abschnitt her, infiziert ihn mit seinen krankhaften Absatzattributen, steckt sie mit «Comic Sans» oder «Arial» an, schändet ihn mit Schrift in Grösse 24 Punkt und zwingt ihm seine Mittelachse auf. Im schlimmsten Fall bringt er auch Farbe mit, pink, rot, gelb! Yellow Peril, I tell ya!

Das ist auf eine Weise integrationsunwillig, dass die SVP Sturm laufen müsste. Es kann doch nicht angehen, dass der Text, der eigentlich Gast in meinem Dokument sein müsste, sein ganzes Umfeld mitbringt und seinen gestalterischen Anhang in mein Dokument einschleppt, das ich im Bewusstsein meiner Herkunft, meiner Tradition gestaltet habe? Verflucht, ich brauche die «Helvetica», weil ich ein stolzer Schw…

… ups, irgendwie ist dieser Text drauf und dran, auf eine ganz schiefe Bahn zu geraten. Also. Tief durchatmen. Bis zehn zählen. Deutlich betonen, dass die Analogie eben völlig verquer war und mir Nationalismen und die SVP fremd sind. Und wieder zum Thema zurückkehren:

Ich verstehe nicht, warum Text, den man über die Zwischenablage einfügt, standardmässig mit dem Originalformat eingefügt wird. Ich arbeite viel mit der Zwischenablage. Dreissig- fünfzigmal pro Tag übertrage ich Informationen auf diese Weise: Aus Wikipedia in ein Worddokument. Aus Evernote ins Google Doc. Von einem zugeschickten Manuskript in die Layoutsoftware. Aus dem Kummerbox-Archiv ins Mail. Das mache ich seit ungefähr 1991 so. 21 Jahre à 300 Arbeitstage mal 50 Einfügungen, macht 315’000-mal Ärger über diese Unvernunft. Ich kann mich nämlich nicht erinnern, dass ich ein einziges Mal mit der ursprünglichen Formatierung des eingefügten Texts hätte arbeiten wollen.

Immerhin. Nach 14. Office-Versionen hat Microsoft es geschafft, dem Textverarbeitungsprogramm eine gewisse Intelligenz beizubringen. Empfehlenswert ist nach wie vor auch das kleine Windows-Progrämmchen RemoveClipboardFormatting, das mit einem Tastaturkürzel gestartet, den Text in der Zwischenablage von seinen Formatierungen befreit…

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Ich sollte wirklich nicht damit anfangen, in Photoshop herumzuspielen. Und das mit der Satire sollte ich sowieso gleich ganz bleiben lassen.

Autor: Matthias

Diese Website gibt es seit 1999. Gebloggt wird hier seit 2007.

3 Gedanken zu „Wehret den Formatierungsäxten!“

  1. Ganz einfach und ohne Zusatzsoftware geht’s aber auch mit notepad.exe – einfach dort rein kopieren und von dort wieder ausschneiden.

  2. Den Notepad-Trick mache ich auch häufig. Ideal fänd ich: Ctrl + v fügt unformatierten Text ein, Ctrl + Shift + v formatierten…

  3. Das «Text Edit» Programm (Mac) zum zwischenspeichern – wie von Stefan geschildert – ist bei mir immer offen. Die von Matthias vorgeschlagene wäre cool.

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