Back to the Future für Erwachsene

Während ich mich beruflich mit Windows 8 herumschlage, habe ich mich privat mit einer Zeit beschäftigt, in der es weder Personalcomputer noch PC-Betriebssysteme gab, Musik noch analog war und das einzig jemals existierende Mobiltelefon still und heimlich im See versenkt wurde. Es geht um die wunderbare Geschichte, die Steven King in seinem neuen Buch «11/22/63» (zu Deutsch: «Der Anschlag») erzählt, das ich mir in den letzten Wochen via Kindle zu Gemüt geführt habe.

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Es gibt den Schunken selbstverständlich auch in Papierform, etwa bei books.ch. In gebundener Form liegt er allerdings mit 1060 Gramm doch recht gewichtig auf dem Lesearm.

Es ist nun nicht ganz einfach, über dieses Buch zu schreiben. Von der Geschichte sollte man eigentlich gar nichts verraten, weil die von vornherein Spass macht und mir eigentlich schon der Klappentext zu viel preisgegeben hat. Um die Andeutung, dass es sich um eine Zeitreise handelt, kommt man nicht herum. Auch dass es darum gehen soll, John F. Kennedy zu retten, muss wohl gesagt werden, und man kann meines Erachtens noch anfügen, dass das Buch Erwachsenenversion von «Back to the Future» ist. Es geht zwar nicht direkt darum, wie der Protagonist wieder in die Zukunft zurückkehrt. Unterschwellig schwingt diese Frage aber immer mit, auch wenn es beim «Wie» nicht um die technische Realisierbarkeit geht. Sondern darum, wie sehr es einen zurück in die Zukunft zieht, wenn man lange Zeit in anfangs Sechziger gelebt hat, sich dort verliebt und zu Glenn Millers «In the Mood» den Lindy Hop tanzt.

Ich empfehle es darum gern «einfach so» – ohne viel über die Geschichte zu erzählen oder zu erklären, warum mir die Geschichte so gut gefällt. Ich finde sie wunderbar; etwas vom besten, das ich seit langem gelesen habe. Ein spannender Plot, der aufgeht, der sehr stimmungsvoll in die Zeit und in das Amerika der späten 50er-Jahre eingebettet ist. Ich kann das beurteilen, weil ich in meiner vorhergehenden Inkarnation ebenfalls in dieser Ära gelebt habe (*). Ein Protagonist, der einem mit seinen Mängeln und seinen Dilemmas ans Herz wächst und der es mit überzeugenden Figurenkabinett zu tun bekommt. Selbst die historischen Figuren, also namentlich Lee Harvey Oswald, seine Frau Marina und JFK sind, soweit ich das beurteilen kann, überzeugend geschildert. Und es gibt auch diverse denkwürdige Zitate im Buch, wie zum Beispiel:

This fifty-years-gone world smelled worse than I ever would have expected, but it tasted a whole hell of a lot better…

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Der DeLorean des Marty McFly ist dem Mr. Amberson ein Ford Sunliner.

Ich habe von Herrn King schon einiges gelesen. Oftmals waren mir die ausgedehnten Erzählungen zu langfädig; hier aber funktioniert der Stimmungsaufbau einfach perfekt und versetzt einen immer tiefer in die Zeit und in die Gedankenwelt des Jake Epping alias George Amberson. Im «Tagesanzeiger» vom 28. Januar hat Andrian Kreye das Buch ziemlich verrissen:

Ständig hat man das Bedürfnis, eine literarische Vorspultaste zu suchen. Denn sobald Jake Epping erst einmal in der Vergangenheit angekommen ist, kreist King um Zeitdetails, die penibel beschrieben werden. Der Geschmack der alten Limonaden, der Geruch der Kleinstädte, die Schönheit des Autodesigns, die schrulligen Anachronismen des Slangs und die altmodischen Jukebox-Hits. Stephen King begeht dabei die Todsünde so vieler Retrokulturen: Er verliert sich in einer Nostalgie, deren Antrieb nicht mehr der Reiz des Vergangenen, sondern der Überdruss am Gegenwärtigen ist.

Wieso soll das eine Todsünde sein? Diese Kritik ist nun wirklich reiner Nonsense. Natürlich lebt eine Geschichte wie «11/22/63» davon, dass man die Zeit möglichst intensiv erleben kann – ob man sie nun aus eigener Erfahrung kennt oder nicht. Jake Epping geniesst es tatsächlich, dass er eine Bibliothek aufsuchen muss, um zu recherchieren, und nicht einfach googeln kann.

When all else fails, give up and go to the library.

Der Reiz des Vergangenen und der Überdruss am Gegenwärtigen lassen sich nicht auseinanderdividieren. Und wenn man als Zeitreisender schon die Gelegenheit erhält, in Nostalgie zu schwelgen, wieso sollte man es denn nicht tun? Dumme Frage, natürlich würde man, wenn man die Chance hätte.

Kurz und gut: Falls euch «Back to the Future» gefallen hat und ihr in den letzten 25 Jahren ein kleines bisschen älter geworden seid, dann hört nicht auf den Herrn Kreye, sondern hört auf mich, kauft das Buch, taucht ab und zieht euch auch ab und an eine Folge «Mad men» rein, um besagte Epoche noch aus einem etwas anderen Blickwinkel zu erleben…

(*) I am kidding, of course.

Autor: Matthias

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