De Weck, drehen Sie den Werbungterror leise!

Die amerikanische Rechtsprechung ist in meinen Augen nicht unbedingt ein Vorbild für die Welt. Den Commercial Advertisement Loudness Mitigation Act (CALM) kann man aber sehr zur Nachahmung empfehlen. Es geht darum, dass Werbung im Fernsehen nicht mehr lauter sein darf als das Programm, das sie unterbricht.

Der Zuschauer wählt die Lautstärke. Oder?
Auch bei uns drehen die Fernsehmenschen während der Werbung den Pegel um diverse Dezibel höher. Bei den privaten Stationen würde ich das noch halbwegs verstehen. Dass das auch das gebührenfinanzierte Schweizer Fernsehen tut, ist unverständlich und eine Frechheit gegenüber des Publikums. Man spricht dem Zuschauer das Recht ab, selbst die Lautstärke zu wählen, in der er sein Programm ansehen will.
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Wer sitzt am Lautstärkeknopf? (Bild Robert S. Donovan/Flickr)

Wenn man das für tatsächlich angebracht hält, sollte man mal den Herrn SRG-Generaldirektor Roger de Weck auf Schweizerreise schicken, ihn bei Wohnungen mit Fernsehgeflacker mal an der Haustür klingeln und höflich fragen lassen: «Dürfte ich bitte hereinkommen und für heute die Lautstärkeregelung Ihres Fernsehprogramms übernehmen?»

Die laute Werbung ist rüde und unhöflich, und sie zeigt, dass die Bedürfnisse des Zuschauers nichts gelten. Es gibt die Ansicht, dass bei Werbung in den Medien der Zuschauer das Produkt ist. Er ist es nämlich, der vom Medienanbieter an den Werber verkauft wird. Der Lautstärkenkrieg sagt mir, dass diese Ansicht nicht so ganz von der Hand zu weisen ist.

Demütige Duldungsstarre während hirnloser Kommerzpropaganda?
Was mich erstaunt, ist, dass es kaum Protest gibt. Vielleicht sind die Zuschauer längst so resigniert, dass sie in demütiger Duldungsstarre alles ertragen, was ihnen die Fernsehsender mit ihren schamlosen Werbekunden so antun. Dennoch verblüfft mich manchmal die Dreistigkeit. Der Qualitätssender RTL beispielsweise platziert in 45-Minütigen Krimis ein letzter, ellenlanger Werbeblock genau vor der Auflösung des Falls. Das heisst – man lässt annähernd zehn Minuten hirnlose Kommerzpropaganda über sich ergehen, um dann in 75 Sekunden zu erfahren: Der Gärtner wars, sie hatte eine Affäre. Und aus.

Es gibt auch Zuschauer, die sich das nicht gefallen lassen. Und kein Fernsehen mehr schauen oder zumindest kein Live-Fernsehen mehr. Ich habe seit Monaten schon keine Sendung auf deutschen Privatsendern zur Sendezeit mehr gesehen. Das ist Lebensqualität. Keine Zeit für Werbung zu verschwenden, von der ich mich belästigt fühle.

Die Zukunft ist ein Rückschritt
Harddisk-Recorder gibt es ja nun schon seit längerem, und man könnte meinen, dass sie die Fernsehanstalten dazu bringen, Werbung weniger aufdringlich, lustiger, besser zu machen. Aber nein. Die Zuschauerschinder in den Chefetagen der Privatsender überlegen sich stattdessen, wie man das Publikum zwingen kann, die Werbung zu sehen. Die Plattform HD+ führt das vor (Zu HD+ gehören RTL, Vox, Sat1, Pro7, Kabel1, RTL2, sixx und Comedy Central):

Mit Hilfe der HD+-Technik können die Sender Aufnahmen reglementieren oder ganz unterbinden. Sie können für jede einzelne Sendung:
• die Aufnahme gänzlich unterbinden,
• die Wiedergabe von TV-Aufnahmen zeitlich begrenzen
• zeitversetztes Fernsehen gänzlich unterbinden oder begrenzen
• TV-Aufnahmen an das jeweilige Gerät binden
• das Vorspulen (z. B. zur Unterdrückung der Werbung) gänzlich unterbinden.
Zurzeit werden die technisch höchstmöglichen Begrenzungen genutzt. (Wikipedia; gekürzt)

Muss einen das beunruhigen? Nein. Dieses Modell hat keine Zukunft. Dank Internet gibt es genügend Information, Unterhaltung, Wissensvermittlung. Ich kann mir aussuchen, wohin ich meine Aufmerksamkeit projiziere. Und ich richte mich dorthin, wo ich mich ernst genommen fühle. Es ist bedauerlich, dass bis zum endgültigen Verschwinden dieses Unsinns Zuschauer drangsaliert werden, die nicht ausweichen können, weil ihnen das technische Verständnis oder die Mittel fehlen. Aber das durch zudringliche Werbung finanzierte Privatfernsehen hat ausgedient.

Was vernünftig ist
Das Schweizer Fernsehen gehört nicht in diese Kategorie und bleibt uns hoffentlich erhalten. Damit dem so sein wird, sollte sich die SRG eben nicht am Gebaren der Privaten orientieren, sondern daran, was vernünftig ist und dem Zuschauer dient. Und darum wiederhole ich abschliessend den Appell aus der Überschrift: Roger De Weck, drehen Sie die Werbung leise.

… und füge ich dem auch noch ein höfliches «Bitte!» hinzu.

PS1: Der Commercial Advertisement Loudness Mitigation Act (CALM) wurde vom US-Senator Roger Wicker eingebracht, am 2. Dezember 2010 verabschiedet und von Barack unterzeichnet (wahrscheinlich mit seinem fabulösen Autopen). Jetzt muss die Kommunikationsbehörde FCC ein Regelwerk erarbeiten, das ein Jahr nach seiner Fertigstellung in Kraft tritt.

PS2: Wer die Werbung in diesem Blog nicht sehen will, darf gern einen Werbeblocker verwenden. 😉

Autor: Matthias

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2 Gedanken zu „De Weck, drehen Sie den Werbungterror leise!“

  1. In den 70er und 80er-Jahren lehnte die damalige AG für Fernsehen jede Sendekopie ab, die dem vorgeschriebenen Lautstärkepegel nicht entsprach. Werbeagenturen und Produzenten hüteten sich damals, diese Regel zu misachten. Eine refüsierte Kopie bedeutete happige Mehrkosten für neue Sendekopien. Und eigentlich war es damals auch für uns Werber klar, dass Werbung besser ankommt, wenn sie den Zuschauer nicht nervt. In dem Punkt hat sich der Mensch wohl bis heute nicht geändert.

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