Fragmentierte Software-Welt

Wieder mal eine dieser ominösen Statistiken! Ich habe mich einmal über die Kummerbox-Mails hergemacht. Dieses Mal wollte ich herausfinden, was die Leute denn so für Mailprogramme benutzen: Eine kleine Untersuchung zu den Marktanteilen der Mailclients und deren Verteilung über elf Jahre, von 2000 bis 2011.

Zuerst ein kleiner Disclaimer: Die Statistik ist nicht wissenschaftlich. Die Daten stammen von den Leuten, die Mails an die Kummerbox geschickt haben. Es sind 22’106 Nachrichten eingeflossen, wobei ich keine Bereinigung der Absender durchgeführt habe – das wäre aufwändig geworden, da viele der mehrfach vorhandenen Absender über die Jahre das Mailprogramm gewechselt haben, weswegen ich die Dubletten nicht einfach ausfiltern wollte.

Trotz der Mängel der Datenbasis scheint mir das Resultat durchaus verallgemeinerungsfähig. Hier erst einmal die Zahlen:

In der Statistik tauchen 91 Mailclients auf; für die obige Grafik habe ich mich auf die Top-10 beschränkt. Eine Liste aller Clients gibt es am Schluss.

Nur Apple Mail hat an Microsofts Dominanz gekratzt

Die Dominanz von Microsoft ist unverkennbar und hat sich über die Jahre nur wenig verändert. Von ungefähr 90 Prozent Marktanteil im Jahr 2000 ging er auf ungefähr 75 Prozent zurück. Der Rückgang ist fast ausschliesslich auf Apple Mail zurückzuführen, zumal bei Outlook Express auch die Mac-Version enthalten ist. Outlook Express für Mac war am Anfang der untersuchten Periode noch recht weit verbreitet. Die Anwender dieses Programms sind zum grossen Teil auf Apple Mail umgeschwenkt.

Ansonsten ist verblüffenderweise der Anteil von Thunderbird mit gut 10 Prozent heute gerade etwa so gross wie der Anteil von Netscape am Anfang der Periode. Der Niedergang von Outlook Express wurde durch Windows (Live) Mail und Outook aufgefangen. Der Anteil von Webmail (GMX und Bluemail) liegt ab 2002 bei knapp fünf Prozent.

Es drängt sich die Erkenntnis auf, dass die Treue beim Mailprogramm sehr gross ist – und noch grösser ist die Loyalität zum Hersteller des Mailprogramms. Wer sich an ein Programm von Microsoft gewöhnt hat, der bleibt dabei. Wer mit Netscape sozialisiert wurde, arbeitet heute vermutlich mit Thunderbird… [Ja, diese Aussage ist relativ schwach abgestützt, da ich sie nur anhand der Anteile getroffen habe und nicht die eigentlichen Wechselbewegungen untersucht habe – was ich, mit etwas mehr Zeit, vielleicht mal tue.]

Outlook, der grosse Gewinner in der Analyse. Mit grossem Abstand ist dieses Programm der «Leader of the pack», auch wenn ich das nicht verstehe. Dieses Programm ist ein Moloch, extrem kompliziert und sehr anspruchsvoll. Klar, man kann alles damit machen – aber wer will schon alles machen? Die meisten privaten Mailanwender wären mit einem einfachen, übersichtlichen Mailprogramm à la Apple Mail besser bedient. Aber wer einen Haufen Geld für Office ausgegeben hat, der glaubt, mit Outlook arbeiten zu müssen – ganz gleichgültig, wie überdimensioniert das Ding auch ist und wie viele Nerven es kostet. Gratulation an die Marketingabteilung von Microsoft. Und die rote Karte für die User, die sich zu wenig überlegen, was gut für sie wäre.

Office-Versionen verschwinden nicht

Wo wir doch so viele Daten zu Outlook haben, dachte ich, könnte ich mir die Versionen noch etwas näher ansehen:

Man sieht, dass eine Office-Version, wenn sie mal da ist, kaum je wieder verschwindet. Office 97 ist die letzte und einzige Version, die komplett abgelöst wurde. Office 2000 ist nach wie vor in Betrieb und Office 2003 stellt sich als sehr beliebt und äusserst hartnäckig heraus. Office 2007 und 2010 kann man nur als Flops bezeichnen. Die Leute sind nicht umgestiegen und selbst wenn man Office 2010 und 2007 zusammennimmt, erreichen sie nicht einmal einen Marktanteil von 50 Prozent. Die früheren Versionen wurden sehr viel schneller adaptiert. Generell ist die Microsoft-Kundschaft Update-müde. Das sieht man bei Office, aber bei den Betriebssystemen ist es noch offensichtlicher – XP hat nach wie vor einen Marktanteil von deutlich mehr als 50 Prozent.

Als Betreuer der Kummerbox gefallen mir diese Zahlen nicht. 2011 sind sechs Office-Versionen parallel im Gebrauch (das kleine, hellblaue Fleckchen in der rechten oberen Ecke ist Office 2011 für Mac). Diese Fragmentierung macht es alles andere als einfach, mehrheitsfähige Antworten zu liefern.

91 Mailclients

Und hier wie versprochen die Liste aller Clients, die solche Perlen wie Microsofts grandios gescheiterten MSN Explorer enthält, aber auch das grässliche IncrediMail, phasenweise beliebte alternative Mailprogramme wie Eudora, The Bat! oder Pegasus. Wir finden auch den Epoc-Mailclient, vermutlich von einem Psion-PDA, diverseste Webmail-Anwendungen, Exoten wie «AutoBahn», «GoldMine», den Client von 20-Minuten Webmail, AOL, das alt ehrwürdige CompuServe, den offenen Outlook-Konkurrenten Evolution, Linux-Vertreter wie KMail und, ein einziges Mal, das Mailprogramm des iPad.

Client Zahl
Outlook 8377
Outlook Express 6016
Apple Mail 1922
Thunderbird 1863
Live Mail 735
Netscape 590
Entourage 562
WWW-Mail 449
Bluewin-Webmail 255
Lotus Notes 172
Internet Mail Service 131
Eudora 113
IncrediMail 109
Yahoo 97
Windows Mail 72
GroupWise 54
futureLAB 52
Opera Mail 49
PostMe 38
CommuniGate 36
IMP 33
AtMail 32
MAPI 32
iPhone Mail 29
Pegasus 22
PHPMailer 19
WorldClient 19
SquirrelMail 13
Forte Agent 12
Foxmail 11
AOL 11
IceWarp 11
The Bat 10
Sub 10
RoundCube 8
SeaMonkey 8
KMail 7
Epoc Email 7
SE 6
TOI 6
WikMail 5
Open-Xchange Mailer 5
Web Mail 5
Vivian Mail 5
Lotus Domino 5
Pegasus Mail 4
GeMail 4
Claris Emailer 4
IMail 4
MultiMail 4
GcMail 3
PMMail 3
AK-Mail 3
Mime-Tools 3
Mime-Lite 3
20min-Webmail 2
Lycos 2
mymail 2
DvISE 2
AutoBahn 2
CompuServe 2
Evolution 2
Mutt 2
GoldMine 2
Webland WebOrganizer 2
Tucows 2
Microsoft CDO 2
iPad Mail 1
Mercur 1
T-Online eMail 1
MailVerwaltung 1
iPlanet Messenger Express 1
Mailsmith 1
Mozilla 1
Mail.com Webmail 1
ZuckMail 1
Volny.cz 1
Confixx 1
NeoMail 1
Mulberry 1
SnapperMail 1
MSN Explorer 1
osC mailer 1
SMTP32 1
Oracle Connector 1
Microsoft Internet Mail 1
KANA Response 1
AIM 1
DreamMail 1
Vacation 1
CTM PowerMail 1
Gesamtergebnis 22’106

 

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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