Mail ist tot, oder: Das Windows-7-Desaster

Mail ist tot. Zumindest in Windows 7. Ob es in dieser Version des Betriebssystems einen eingebauten Browser haben soll oder nicht, ist dieser Tage ein grosses Thema. Gestern bin ich darauf aufmerksam gemacht worden, dass es in Windows 7 kein Mailprogramm gibt, und zwar, obwohl weder die EU noch sonst jemand die Entfernung von Windows Mail (vormals Outlook Express) gefordert hätte. Etwas spöttisch meinte mein Informant dazu, das sei wohl mit «Windows 7 sei ein schlankes Betriebssystem» gemeint.
Ein Betriebssystem ohne Mailprogramm? Da glaubt man sich verhört zu haben. Aber es ist so (und mir hochnotpeinlich, dass ich bislang nicht selbst darauf gestossen bin): In Windows 7 gibt es kein Mailprogramm, dafür einen popeligen Link zum Download der Windows Live Essentials.
Zu diesen Live Essentials gehören Writer, Mail und Messenger, die Fotogalerie und Toolbar, eine Anbindung des Internet Explorer an Windows Live. Ich habe bei Microsoft nicht nachgefragt, was der Grund für die stille Beerdigung von Windows Mail war, werde das aber noch tun. Ich könnte mir aber vorstellen, dass man schlicht fand, drei Microsoft-Mailclients zu pflegen, sei ein blanker Unsinn. Heute kann man, wenn man nicht Thunderbird nutzen will, wie es die Vernunft gebieten würde, aus drei bzw. vier MS-Mailprogammen wählen: Man kann, wenn man Office gekauft oder geklaut hat, Outlook nutzen. Auf Windows XP gibts Outlook Express und auf Windows Vista Windows Mail. Und auf live.com steht besagtes Windows Live Mail zum Download. Eine Konsolidierung dieses Überangebots ist eine gute Idee. Zwei Programme sind mehr als genug.
Die Art und Weise der Konsolidierung halte ich nun aber schlicht für groben Unfug. Der Umstieg auf Windows 7 wird auch so aufwändig sein. Die allermeisten Anwender werden einen neuen Rechner anschaffen und Anwendungen neu installieren müssen. Beim frisch erworbenen Windows wird man sich hier in Europa mit der Browser-Sache herumschlagen müssen. So wie es aussieht, wird das über eine Auswahl-Dialogbox erfolgen. Falls man einen alten Rechner aufrüstet und Windows 7 im Laden kauft, muss man aus den vielen Varianten die richtige herauspicken und dann obendrein entscheiden, ob man die 32- oder die 64-bit-Variante installiert. Das ist selbst für eingefleischte Anwender nicht einfach. Dann will Windows 7 selbstverständlich aktiviert werden.
Wenn man den ganzen Terz hinter sich hat, stellt man fest, dass die Mails irgendwie nicht mehr da sind. Überhaupt, was geschieht mit denen, wenn man von Windows Vista auf 7 aktualisiert? Wie kann man die Mails, wenn man von einem alten Rechner, der beispielsweise Outlook Express drauf hatte, auf dem neuen mailprogrammlosen Windows-7-Rechner übernehmen? Der Umstieg von einem Mailprogramm auf ein anderes ist, selbst mit dem gleichen Betriebssystem, keine triviale Sache. Auch die Datenübernahme selbst verunsichert die Anwender oft, wie ich von Anfragen an die Kummerbox weiss. Das hier ist nun wirklich der Super-GAU. Erfahrene Anwender werden die Sache deichseln können und sich über den enormen Arbeitsaufwand des Umstiegs ärgern. Unerfahrene Anwender werden ratlos sein.
Vernünftigerweise muss man die stille Beseitigung von Windows Mail zum Anlass nehmen, auf ein Nicht-Microsoft-Mailprogramm umzusteigen. Nun ist der Umstieg von Windows Mail auf Thunderbird nicht gerade einfach – ich hoffe, Mozilla baut hier bis zum offiziellen Start von Windows 7 noch eine gute Importfunktion ein. Vom Umstieg auf Windows Live Mail würde ich jedenfalls abraten. Zum einen sind diese Live-Apps vor allem ein Vehiekel, Microsofts Live-Plattform zu promoten. Diese wiederum ist für viele Anwender überflüssig. Darum wohl der unsanfte Zwang, mit dem Microsoft Windows-7-Anwender auf live.com lotseh will. Nur enthalten einzelne der Live-Anwendungen wie etwa der Live Messenger Werbung. Da stellt sich die Frage, weswegen man als Käufer eines teuren Betriebssystems Downloads tätigen und Adware einsetzen muss, bevor der Funktionsumfang vollständig ist? Ausserdem hat die ganze Welt ausser Microsoft gelernt, dass Adware nicht funktioniert.
So hoch Windows 7 von manchen gelobt wird; meiner Meinung nach entwickelt sich dieses neuen Betriebssystems zum Desaster. Ich erwarte von Microsoft nicht, dass Windows 7 so komfortabel und benutzerfreundlich ist, wie Apple und sein «walled garden». Dass man inzwischen den Eindruck kriegt, Microsoft baue mit Absicht Fallen ein und strebe maximal Komplexität an, ist falsch.
Es bleibt für Windows-Nutzer, die Abhängigkeit von Microsoft zu reduzieren. Das heisst, nebst dem Betriebssystem möglichst keine weiteren Microsoft-Produkte einzusetzen, vor allem aber kein MS Mailprogramm und keinen MS Browser.

Autor: Matthias

Diese Website gibt es seit 1999. Gebloggt wird hier seit 2007.

Kommentar verfassen