Journalismus als Twitter-Abfall

Ich muss mit diesen amerikanischen Podcasts aufhören. In Twit und bei No Agenda wird dieser Tage fröhlich der Untergang der Tageszeitung proklamiert. Wenn man das Zeitungssterben (siehe zum Beispiel WOZ vom 2. April; Artikel nicht online abrufbar) in den USA verfolgt, dann erstaunt es nicht, dass manche schon das Totenglöckchen läuten. San Francisco könnte, wenn der «San Francisco Chronicle» untergeht, die erste US-Grossstadt ohne eigene Zeitung werden. Was nicht alle stören würde. Manche mögen keine Zeitungen, einige sehen sie als Konkurrenz oder halten sie für schlecht gemacht. Selbst die unverblümte Häme, die mitunter auf die darniederliegenden Blätter geschüttet wird, ist nachvollziehbar, wenn man sie als Retourkutsche nimmt. Es soll ja selbst heute noch Presse-Journalisten geben, die für Blogger nur ein müdes Lächeln übrig haben.
Aber man muss kein Zeitungsjournalist sein, um die Haltung der gekränkten Webpublizisten dumm und kleinkariert zu finden. Zeitungen mögen altmodisch, schwerfällig, langsam und überflüssig wirken, aber es steht ausser Zweifel, dass sie, einmal verschwunden, eine riesige Lücke hinterlassen würden. Und auch wenn das Online-News konsumierende Publikum momentan nicht den Anschein erweckt, würde es die Tageszeitung schmerzlich vermissen.
Natürlich haben Zeitungstotengräber längst Ideen, wie die Lücke zu füllen wäre. Mit Twitter, beispielsweise. Bei Twitter ist jeder Journalist, jeder Leser und weil man nur 140 Zeichen zur Verfügung hat, bleibt man vom endlosen Geschwurbel der Edelfedern verschont. Die wunderbare Erfindung der Hash-Tags würde es mit sich bringen, dass aus allen Tweets zu einem Thema ein umfassender Artikel wird. Journalismus als Twitter-Abfallprodukt.
Nun, es mag ja wirklich so sein, dass man per Twitter beispielsweise Dinge über die G20-Demo in London erfährt, die von der Presse oder der BBC nicht berichtet werden. Aber daraus abzuleiten, Twitter sei das bessere Newsmedium, scheint mir trotzdem reichlich verwegen. Ein aus Tweets zusammengeflickter Informationsteppich ist eine löcherige Angelegenheit. Und wenn man die Sache professionalisiert, dann landet man unzweifelhaft wieder bei Organisationen, die verblüffende Ähnlichkeit mit einer Zeitungsredaktion haben. Mag ja sein, dass die Sache weniger schwerfällig organisiert ist, aber irgendwoher muss Geld kommen, die Leute sollten ihr Handwerk verstehen und das Vertrauen der Leser verdienen. Aber natürlich kann man auch erst das Rad neu erfinden, bevor man zu dieser Erkenntnis gelangt.

Autor: Matthias

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