Dumme Dummheitsthese

Im «Spiegel»-Titel der Ausgabe 33/08 geht es darum, ob das Internet uns dumm macht. Über eine ganz ähnliche These haben wir vor nicht allzu langer Zeit auch im Digitalk geredet. Da ging es um die These, dass Google uns verdummt. Und der «Spiegel»-Titel bezieht sich dann auch auf diesen Text aus der New York Times.

Es ist eine nette Sammlung davon, wie das Internet und die allüberall Internetzugang eröffnenden Geräte wie das iPhone oder der Blackberry unser Leben verändert: Studenten wissen nicht mehr, wie man ein Buch benutzt. Leute können vor lauter Information nicht mehr denken. Das Hirn kann das Multitasking nicht leisten, das ihm der digitale Lifestyle abverlangt. Wir verschwenden Zeit mit dem Sortieren der Mails im Posteingang. Via Blackberry belästigen uns Chefs sogar in den Ferien.

Ist das neu? Nein. Das Spamaufkommen in der Inbox lässt ja nun nicht erst seit gestern die Erkenntnis reifen, dass E-Mail ein zwiespältiges Kommunikationsmittel ist. Das Handy ist nicht nur praktisch, sondern mitunter ein Tyrann – das merkt jeder, der irgendwann eine eigene SIM-Karte in ein Mobiltelefon schiebt. Man muss den richtigen Umgang mit neuen technischen Möglichkeiten erst finden und jede Technologie hat auch ihre Schattenseiten. Das ist fürchterlich banal und um daraus die These «Das Internet macht dumm» zu zimmern, muss man zum Holzhammer greifen.

Darum mag ich diesen Thesenjournalismus nicht. Vorteile und die Schattenseiten gegeneinander abzuwägen, ist richtig und wichtig. Sich nüchtern zu fragen, ob das iPhone und Google den ganzen Hype wert sind, die Pflicht der Journalisten und Blogger. Aber diese Dummheitsthese ist einfach nur dumm. Natürlich, die dient erst einmal dazu, Aufmerksamkeit zu wecken und «Spiegel»-Hefte zu verkaufen. Aber wenn man das tut, sollte man nicht bloss Indizien aneinanderreihen und auf Teufel komm raus seine These untermauern wollen. Zumal der Artikel die Vermutung nahe legt, dass man die These «Das Internet macht klug!» genauso süffig ausbreiten könnte. Die «Kids» fabrizieren dank SMS nämlich so viel Text wie nie zuvor (auch das nicht neu). Dank Googles Scannern öffnet sich das in Bibliotheken gehortete Wissen der ganzen Welt. Also echt, allein das sollte doch jeden Informationsarbeiter jubeln lassen.
Persönlich ist es mir wichtig, genügend «Offline-Zeit» im Leben zu haben. Ich lese so viel wie seit Jahren nicht mehr, seit ich mich durch alle Karl-May-Bände geackert habe. (Ich habe Frank Schätzing eine zweite Chance gegeben, die er mit «Der Schwarm» fulminant genutzt hat.) Mitunter ärgere ich mich, dass ich mich oft aufs Google aided memory verlasse. Aber wars denn früher besser? Nein, ein fotografisches Gedächtnis habe ich leider nie besessen. Wichtig ist es mir, diese Abhängigkeit im Griff zu haben. Jedenfalls, wenn mich jemand fragt, ob das iPhone und Google den ganzen Hype wert sind, dann sage ich ohne zu zögern ja. Natürlich ist dieses Bekenntnis so gut wie nichts wert, da die neuen Technologien mein Thema im Job sind. Aber auch dessen ungeachtet lohnt es, sich in die Informationsflut zu stürzen und schwimmen zu lernen.

Autor: Matthias

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