www.adress.salat

Da habe ich mir vorgestern halbherzig einen SdM aus den Rippen geleiert, und dann lese ich heute das:

Der ICANN-Vorstand hat sich auf seiner Sitzung in Paris einstimmig für die Annahme des neuen Prozesses zur Schaffung von generischen Top-Level-Domains [gTLDs] ausgesprochen. Bereits im Frühjahr 2009 sollen sich Interessenten für die neuen Adressen bewerben können. (…) Der Vorstand sprach sich einstimmig für die Annahme des Entwurfs der ICANN-Unterorganisation Generic Names Support Organization [GNSO] aus (…) Das bedeutet, dass es schon bald neben Domains wie .com, .org und .net auch Adressräume wie .graz, .berlin und .verlag geben wird. (futurezone.orf.at)

Das ist, mit Verlaub, ein Riesenmist. Ich schätze sehr, dass es nur eine sehr überschaubare Anzahl von Top-Level-Domänen gibt. Die Endung gibt einen sehr konkreten Hinweis zu der Site. Man kann via TLD auch sehr schnell eine Websuche eingrenzen:

käse site:ch

Frei wählbare Top-Level-Domains machen die Sache beliebig und somit nutzlos. Sucht man eine Zeitung wie tagi.ch nun unter «tagi.zeitung», «tagi.presse», «tagi.züri» oder unter «tagi.news»? Oder findet man «tagi» als TLD schön? Wenn ja, was steht dann als second level Domain? Man kann sich ansatzweise sinnvolle Dinge vorstellen. Um beim Beispiel zu bleiben, könnte man hier mit «leben.tagi» oder «digitalk.tagi» einzelne Rubriken abdecken. Aber wie findet man die Hauptseite? Unter «tagesanzeiger.tagi»?
Gut, klar, es gibt die gute alte .ch-Adresse ja weiterhin. Und in Einzelfällen mögen freie TLD auch durchaus Sinn machen. Aber alles in allem sind die Nachteile grösser als die Vorteile. Wildwuchs ist garantiert.
Aber die Geschichte geht noch ein bisschen weiter:

Die neuen Regeln schlagen eine Registrierungsgebühr von 50’000 bis 100’000 US-Dollar pro neue gTLD vor.

Sprich: Es wird die TLD «.clickomania» oder «.schüssler» nicht geben. So spassig das auch wäre – für das Geld mache ich dann doch lieber eine schöne Weltreise.
Es geht, was Wunder, bei der Geschichte nur ums Geld. Wie hoch kann der administrative Aufwand sein, eine TLD einzurichten? Einige hundert Dollar? (Die ICANN behauptet, die Tarife seien kostenneutral.) Und auch wenn das in der Meldung nicht steht, bin ich sicher, dass die 50’000 bis 100’000 US-Dollar pro Jahr anfallen. Klar, wird jeder da sagen, dass so eine Gebühr auch abschreckend wirken soll, damit eben nicht Scherzkekse wie ich TLDs registrieren, die niemand haben will. Aber all die grossen Unternehmen, die Städte, Sportveranstalter wie die EVA, äh UEVA, die Kantone, Organisationen, Intressensgemeinschaften, reiche Wichtigtuer werden sich anstellen und ihre generische oberste Stufendomäne kaufen. Das ist die Lizenz zum Gelddrucken. Kleinere Gemeinden, Institutionen, Organisationen, Zweckverbände, die sich das nicht leisten können oder wollen, haben das Nachsehen.
Eine Sauerei. Damit hat sich die ICANN als Wächterin über die Internetadressen disqualifiziert. Es wird Zeit, dass man die Sorge über die Internetadressen einer anderen Stelle übergibt. Wieso müssen das überhaupt die Amis sein? Zur Erinnerung:

Die Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN) ist eine privatrechtliche Non-Profit-Organisation US-amerikanischen Rechts mit Sitz in der kalifornischen Küstenkleinstadt Marina del Rey. (Wiki)

Meines Erachtens wäre die Verwaltung der Internetadressen eine gute Aufgabe für die Vereinten Nationen. Auch ein weltweiter Zusammenschluss der Internetprovider oder der User-Groups der Internetnutzer wie die Swiss Internet User Group (SIUG) in der Schweiz kommt in Frage. Weniger sinnvoll ist es, ein paralleles Adresssystem aufzuziehen, wie es das Open Root Server Network tut – obwohl ich den Gedanken dahinter begrüsse.
Wichtig ist auf alle Fälle, die Verwaltung der Adressen im Internet zu demokratisieren und dem Zugriff der ICANN zu entziehen.

Autor: Matthias

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