Blogs am Strassenpfahl

Mein Arbeitsweg führt mich nach Zürich und dort an einem Strassenlampenpfahl vorbei. Der steht an einem Fussgängerstreifen. Man steht bei Rotlicht neben dem Pfahl und hat Zeit und Gelegenheit, den Blick schweifen zu lassen. Das ist auch der Grund, weswegen an dem Pfahl häufig Aufkleber angebracht werden. Diese verkünden entweder eine Werbebotschaft. Oder sie wurden von Leuten geschrieben, die zum Bloggen berufen wären, aber keinen Internetanschluss haben: Sie verkünden eine Botschaft, aber werben nicht. Auf einem Zettel, den ich so jeden Morgen studieren konnte, wurde ich gefragt, was ich denn besser ertragen würde: Glück oder Unglück?

Ich will hier die Antwort geben (wobei ich nicht ganz sicher bin, ob der Fragesteller wirklich scharf auf eine Antwort ist – eine nette Kommentarfunktion wie in diesem Blog hatte der Aufkleber auf alle Fälle keine). Also: Ich habe zwar ein gewisses Talent, mich in meinem Unglück zu suhlen und lasse mir auch gern vom Gedanken schmeicheln, ich sei ein verkannter Künstler, der, wenn er denn aufgrund einer ausreichend grossen Portion Unglück angestachelt würde, zu ungeahnten Höhenflügen fähig wäre, die im Pulitzer-, Nobell- oder zumindest im mit 10’000 Franken dotierte Kultur-Preis der Stadt Winterthur münden müssten. Trotzdem. Es steht für mich komplett ausser Frage, dass ich das Glück besser ertrage und selbiges auch mit einer viel grösseren inneren Bereitschaft auf mich nehmen würde, als eben die andere Auswahlmöglichkeit in der Laternenpfahlbotschaft.

Nun hing da neulich ein neuer Zettel. Ich habe es versäumt, mir den genauen Wortlaut zu merken und notieren kann ich ihn nicht mehr, weil seit dieser Woche der Strassenpfahl blitzsauber und von jeglichen Botschaften befreit ins Stadtbild glänzt. Es stand da etwas von wahrer Frauengewalt. Abgebildet war ein Kaffeekränzchen mit Damen, von dem diese offenbar ausgeht. Und gefordert war einem Versammlungsverbot für Frauen. Ich spürte einen Impuls, diesen Vorschlag originell zu finden. Ausgelöst vielleicht durch das Wortspiel oder die verquere Idee. Das Kleingedruckte habe ich nie gelesen, drum weiss ich nicht, ob es nicht vielleicht doch originell war. Denkt man so nochmals drüber nach, fragt man sich bloss, wer warum sich die Mühe macht, die Stadt mit solchem Zeugs zuzukleistern. Naja, trotz allem ist es doch besser, wenn diese «Postings» am Laternenpfahl stattfinden. Dort kann sie die Stadtreinigung wegputzen (danke!). Dank Suchmaschinen-Indizes, Google-Cache und Archive.org geht nichts mehr verloren.

Autor: Matthias

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